Inzwischen bin ich in Kyoto angekommen. Meine letzten Tage in Osaka habe ich mit viel Kaffeetrinken (Kohi hotto) und einem Ausflug nach Kobe verbracht. In Kobe habe ich Elvis gesehen und war danach unter anderem in China-Town.
Nun Kyoto: Das U-Bahn fahren hier wird zur echten Herausforderung. Gestern hatte ich den Plan, zu einer bestimmten Station zu fahren und von dort aus zu Fuß und nach grober Orientierung per Himmelsrichtung einige Sehenswürdigkeiten abzuklappern. Auf meinen bisherigen Touren in Tokio, Osaka, Nara und Kobe hat das auch immer wunderbar funktioniert. Nicht so in Kyoto.
Zuerst musste ich feststellen, dass mein bisher so zuverlässiger Japan-Reiseführer im Internet bei der schematischen U-Bahn-Karte für Kyoto offensichtlich geschlampt hatte. Überraschenderweise musste ich auf meinem Weg zur Zielstation einmal umsteigen - das hatte vorher gar nicht so ausgesehen. Schon in diesem Moment hätte ich umkehren und lieber in der Nähe meines Hotels bei Lotteria einen Shrimp-Burger bestellen sollen.
An meiner Station angekommen nahm ich wahllos einen der Ausgänge - denn entgegen meiner auf der ersten Karte basierenden Intuition gab es nicht einen Ost- und einen Westausgang, sondern nur Nord- und Südausgang. Am Ausgang war eine Karte angebracht. Ich initiierte also meinen Himmelsrichtungskalibrierungsvorgang und startete Richtung “Osten” um bei nächster Gelegenheit nach “Süden” abzubiegen. Die Straße nach “Süden” sah zum Glück dermaßen trostlos aus, dass ich nicht lange zögerte und genau in die andere Richtung ging. Mein Glück, sonst würde ich wohl immernoch irgendwo in den Bergen um Kyoto herumirren. Jetzt, wo ich noch aus dem Gedächtnis meine U-Bahn Station hätte finden können, hätte ich die Shrimp-Burger noch einmal in Erwägung ziehen sollen. Aber der Ruf nach Abenteuer war stärker…
Tatsächlich stieß ich auf meinem weiteren Weg völlig zufällig noch auf einen Schrein und einen Tempel. An einer Karte dort führte ich ein Reset und Neukalibrierung meiner Orientierungseinheit durch, woarufhin ich richtung “Südost” weiterging (Shrimp-Burger ade). So lief ich einige Zeit durch das inzwischen nächtliche Kyoto und langsam wurde mir etwas mulmig. Zum Glück sah ich irgendwann ein Licht am Ende des Tunnels (in Form einer stark beleuchteten Einkaufsstraße) und in deren Nähe sogar eine U-Bahn-Station. Ich hatte es geschafft (dachte ich). Ich ging noch ein Stück weiter, saß eine Weile an einem beschaulichen Fluss und entspannte mich.
Schließlich ging ich wieder los in Richtung der U-Bahn-Station und nahm den erstbesten Eingang in den Untergrund - was ein grober Fehler war. Der Name einer der Stationen auf dieser Linie kam auf meinem Orientierungsspickzettel vor, also fuhr ich dorthin. Von dieser Station hätte ich theoretisch durch einmal Umsteigen wieder zu meinem Heimatbahnhof kommen müssen - leider ein Irrtum. Dort angekommen fand ich nach einiger Sucherei den Hinweis auf eine andere U-Bahn-Linie. Also den Schildern hinterher und den entsprechenden Ausgang genommen. Am Ausgang war zu einer anderen U-Bahn Linie leider kein Hinweis mehr zu sehen. Doch da war eine Karte am Straßenrand! Erstaunt musste ich festellen, das die U-Bahn Station die ich gerade verlassen hatte auf dieser Karte einen völlig anderen Namen hatte. Außerdem handelte es sich laut Karte um eine Straßenbahnstation. Und laut Karte hätten in Sichtweite noch etwa 5 andere Straßenbahnstationen mit ähnlich exotischen Namen lauern sollen. Leider gibt es in Kyoto keine Straßenbahn - zumindest habe ich bisher keine gesehen.
Also lief ich zurück zur vorherigen Station. Ich wollte nicht noch einmal 150 Yen für eine 30 Sekunden-Fahrt investieren. Und siehe da: Auf der anderen Straßenseite waren Eingänge zu einer völlig anderen U-Bahn. Und das war dann zum Glück die, die mich wieder nach Hause gebracht hat (nur noch einmal Umsteigen).
Heute hat mich natürlich interessiert, wo ich da eigentlich war und was eigentlich mit den U-Bahnen von Kyoto abgeht. Wie ich feststellen mußte, gibt es in Kyoto nicht weniger als sechs (!) private U-Bahn-Betreiber. Dazu kommt dann noch die öffentliche U-Bahn und natürlich Japan Railway (Fernverkehr und “S-Bahn”). In Tokio besipielsweise existieren auch mehrere Betreiber, deren Stationen sind aber aneinander angeschlossen oder es ist gut ausgeschildert wie man von der einen Linie zur anderen kommt. Man kann auch - wenn man genug bezahlt hat - mit dem selben Fahrschein die Bahnen verschiedener Betreiber benutzen. Hier in Kyoto scheint der Konkurenzkampf stärker zu sein. Die Streckenpläne in den Stationen zeigen ausschließlich die Linien des jeweiligen Betreibers. Die Hinweise auf andere Linien scheinen absichtlich falsch zu sein. Übersichtskarten mit allen Linien gibt es nicht (oder sie sind sehr, sehr gut versteckt).
Ganz abgesehen davon scheint bei Übersichtskarten die Kreativität des “Malers” im Vordergrund zu stehen. Ein lustiges Völkchen hier.
Als ich schließlich an meinem Heimatbahnhof angekommen war, hatte Lotteria leider schon zu. Also keinen Shrimp-Burger mehr. Und so ziemlich alles andere hatte auch zu. Sogar McDonald’s. Zum Glück konnte ich mit Google-Maps (die haben weltweit die selbe Vorstellung von Nord, Süd, Ost und West) noch einen 24-Stunden Laden ausmachen (der dann auch dort war wo Google ihn angezeigt hatte), wo ich mir noch eine leckere Bento-Box und ein Eis gekauft hab.
Ende gut, alles gut…






